Wir lesen (bzw. in meinem Fall lasen) in der Schule das Buch “Der zerbrochne Krug” von Heinrich von Kleist. Ich habe es seit heute durchgelesen, da es mir sehr, sehr gut gefiel. Die Sprache in diesem Buch war teilweise ein wenig unverständlich, aber Wikipedia, die Hilfe einiger Freunde und nicht zuletzt die Anmerkungen am Ende des Buches halfen mir sehr, den Zusammenhang herzustellen und Sachen zu verstehen.
Ich habe mir erlaubt, weil mir das Buch gefällt, eine kleine Zusammenfassung zu schreiben. Es sind nicht alle Informationen enthalten, aber die wichtigsten. Und bitte passt auf, denn der Schluss wird auch erzählt. Also, wenn ihr vorhabt, das Buch noch zu lesen, solltet ihr lieber woanders eine kleine Zusammenfassung suchen . Die Zahlen in den Klammern sind übrigens die Zeilennummern, in denen man die Information nachlesen kann.
Licht, ein Gerichtsschreiber, findet Dorfrichter Adam in der Gerichtsstube, wo er sich ein Bein verbindet. Er sagt auf Fragen Lichts, der Herrgott renkte ihm den Fuß aus (21). Auch Adams Gesicht hat gelitten (31). Es fehlt ein Stück von Adams Wange (34). Adam erklärt darauf, wie es passiert sein soll (50-61). Licht überbringt Adam die Kunde, dass Gerichtsrat Walter aus Utrecht kommt (67). Den Tag zuvor war er bereits in Holla, wo er Richter und Schreiber ihres Amtes enthob (104; 105).Im zweiten Auftritt erscheint Walter, der auf seinem Weg einen Unfall hatte (203), bei dem er sich die Hand verstauchte (205; 206). Adam hat seine Perücke irgendwo verloren (er kam auch ohne sie nach Hause, (228-230), weshalb er die heutige Sitzung ohne führen wird (376).Der Gerichtstag startet, Walter wird dabei sein (359). Eve, Ruprecht und Frau Marthe beschimpfen sich wegen einem zerbrochenen Krug. Adam redet mit den Parteien, aber Walter sagt ihm, er solle vor der Session nicht mit den Parteien reden (537; 538). Der Prozess beginnt und Adam ruft die Klägerin Frau Marthe hinein. Da die Frau Adam bekannt ist, unterbindet Walter Fragen zu ihrer Person (587-590). Adam stellt sich blöd, als Walter ihn bittet, nach dem Gegenstand der Klage zu fragen. Adam versucht, den Prozess so schnell wie möglich zu beenden. Walter belehrt ihn, dass es dafür Gesetze gibt (621-624), doch Adam erwidert mit eigentümlichen Statuten (626-628). Matha beginnt lange zu erzählen - die Historie des Kruges. Doch Adam (705) uns Walter (712; 713) ermahnen sie, zum Punkt zu kommen. Martha lügt jedoch, denn Eve schwor ihr nicht, dass es Ruprecht es war (781; 782).Nun ist Ruprecht dran, seine Sicht der Dinge zu erzählen. Walter hat jedoch zwischendurch immer wieder an Adams Reden etwas auszusetzen und beschuldigt Adam, willkürlich zu urteilen (1085-1087), da es bereits zwei Verdächtige gibt und Adam trotzdem fast schon ein Urteil gefällt hat.Eve sagt aus, Ruprecht war es nicht (1197) und Adam wisse besser, wer es sei (1213). Adam verstrickt sich in ein Lügennetz indem er sagt, der Lebrecht war’s, den er aber selbst nach Utrecht schickte (1217; 1218). Frau Marthe holt eine Zeugin herbei, die angeblich die Schuld von Ruprecht beweisen könne. Adam fragt Walter, ob man die Sitzung nicht lieber für heute schließen solle, doch dieser verneint (1401; 1402). Walter spricht Adam auf seine Wunde am Kopf an (1458, 1459).Brigitte tritt auf und hat Adams Perücke in der Hand, von der er zugibt, es sei die seine (1636). Gefunden hat sie Brigitte bei Frau Marthes Spalier, an dem sie hing (1625-1628). Sie sagt darüber hinaus aus, Ruprecht war es nicht (1665; 1666). Immer mehr Details ihrer Aussage und ihrer Beobachtungen treffen auf Adam zu (1685: kahlköpfig; 1686: mit einem Pferdefuß; 1712 begegnet am Spalier, siehe 1625, 1636). Adam gerät immer weiter rein, doch zuerst wird nicht er, sondern der Teufel für den Täter gehalten. Schreiber Licht, der zu Brigitte stieß und sie selbst verfolgten die Spur des “Teufels” im Schnee und gelangten zum Gerichtsgebäude (1782-1784), worauf Ruprecht meint, ob der Teufel im Gerichtsgebäude wohne (1785; 1786). Walter schöpft verdacht und versucht Adam zu überlisten, dass er aufsteht (1803), was jedoch misslingt. Walter will die Session darauf schließen. Er will die Sache abschließen und Ruprecht zum Täter erklären (1874). Doch nun beschuldigt auch Eve Adam (1891) und dieser läuft davon (1900).Im letzten Auftritt wendet sich Eve an Walter um ihn einen Brief zu zeigen, in dem Ruprecht zur Konspriktion aufgerufen wird. Walter schaut sich den Brief an und bezeichnet in als Betrug und sagt, dass er falsch sei (1927). So langsam lichtet sich das Szenario: Adam wollte Ruprecht davor schützen und Eve “ein Attest für Ruprecht” zu geben (1941), wofür er als Gegenleistung von Eve “schändliches” (1946) forderte. Zum Schluss wird Licht (vorübergehend) Dorfrichter (1963; 1964), wie Adam es ihm früh prophezeite, jedoch in einem anderen Zusammenhang (129; 130).
Timo Heuer
Montag, 7. Mai 2007
Nicht lesen
Kurzgeschichte von Heinz-Peter Tjaden
Wenn Sie dieses Buch aufschlagen, ist es zu spät, eine Rückkehr ausgeschlossen, Gefangenschaft zwischen zwei Buchdeckeln sicher, verlockend gestaltete Buchdeckel, der Titel Neugier weckend, sogar die des Fahrers, der den ersten Halt gemacht hat vor einer Buchhandlung in der Vorstadt, die Plane öffnete, die Luke fiel wie der oberste Karton, „so ein Mist", schimpfte der Fahrer, den Karton verfehlend, aus dem sich beim Aufprall ein Exemplar stahl und sich öffnete, als er es in den Karton zu den anderen Exemplaren zurückschieben wollte, was ihm nicht mehr gelang.
„Das verstehe ich nicht", behielt die Buchhändlerin Straße und Lastkraftwagen im Blick.
„Ich habe den Fahrer doch gesehen, bevor er sich bückte. Warum richtet er sich nicht wieder auf? Warum bleibt er verschwunden?"
Fragen, die beantwortet wurden, als sie sich von ihrem Platz löste, an den Regalen vorbei die Buchhandlung verließ und im Sonnenschein stehend nichts weiter sah als den Lastkraftwagen, einen aufgeplatzten Bücherkarton und ein Exemplar, in dem der Wind blätterte und sie verführte, eine Zeile zu lesen, die sie mitnahm zu dem Fahrer, der nur kurz aufblickte.
„Was wollen Sie denn hier? Stören Sie mich bitte nicht."
Doch auch auf einer anderen Seite war sie nicht allein, denn dort schob ein Mann, während er den Kopf mit Haarkranz hob, die Brille den Nasenrücken hinauf.
„Ich verbitte mir jede Störung. Lesen Sie bitte eine andere Seite."
Eine halbe Stunde später stoppte ein Streifenwagen hinter Lastkraftwagen, aufgeplatztem Karton und Exemplar, in dem der Wind blätterte, eine ältere Frau beugte sich im ersten Stock aus dem Fenster, sie hatte die Polizei alarmiert, vor Aufregung Sätze ausstoßend: „Vor dem Haus steht ein Lkw. Seit einer Stunde. Der Fahrer ist verschwunden."
„Ein Bücherkarton und ein Buch, das herausgefallen ist", kam einer der beiden Beamten zu einer ersten Beurteilung der Situation, deren Tragweite er noch nicht erkannte, während sein Kollege einen Blick in die Fahrerkabine warf, feststellte und ankündigte: „Hier ist niemand. Ich gehe mal in die Buchhandlung."
Dort stieß er weder auf Fahrer noch auf Buchhändlerin.
„Das verstehe ich nicht", fand er keine Erklärung für das Verschwinden der beiden, ratlos war auch sein Kollege, der den Bücherkarton aufgehoben und zu den anderen Kartons zurückbugsiert hatte und nach dem Exemplar greifen wollte, in dem der Wind blätterte.
„Rühr das nicht an", wurde die nächste Entführung verhindert. „Ich rufe die Spurensicherung an. Hier ist etwas faul."
Kurz vor elf gab es Kreidestriche auf dem Asphalt, die markierten, wo aufgeplatzter Karton und Exemplar gelegen hatten, das sich nun in einer Plastikhülle befand, die den Wind an weiterer verhängnisvoller Blätterei hinderte.
„Bringt das Buch sofort ins Labor. Vielleicht finden wir Fingerabdrücke, die mit den Fingerabdrücken in der Fahrerkabine übereinstimmen", schöpfte einer der drei Spurensicherer Hoffnung, obwohl er nicht wusste, wie eine Übereinstimmung die Arbeit der Ermittler voranbringen sollte.
„Und was machen wir mit dem Lkw?" fragten die beiden Beamten, die als erste am Ort des mysteriösen Verschwindens von Fahrer und Buchhändlerin gewesen waren.
„Den soll der Verlag abholen", entschied der hoffnungsvolle Spurensicherer. „Erstens behindert er den Verkehr und zweitens brauchen wir ihn nicht mehr."
Als die ältere Frau um die Mittagszeit wieder einmal aus dem Fenster nach dem Rechten schaute, wie sie das in regelmäßigen Abständen zu tun pflegte, zeugten nur noch Kreidestriche auf dem Asphalt davon, dass sich an diesem Vormittag etwas Ungewöhnliches ereignet hatte, während sich im Labor der Polizei weitere Glieder an eine immer größere Kette ungewöhnlicher Ereignisse reihten, denn als der hoffnungsvolle Spurensicherer am späten Nachmittag das Labor betrat, waren ebenfalls verschwunden: die junge, stets fröhliche und schwarz gelockte Laborantin und ihr erfahrener Kollege, der sich nur noch darüber wunderte, dass ihm die Wartezeit bis zu seiner Pensionierung von Tag zu Tag länger zu werden schien, obwohl sie mit jedem Arbeitstag kürzer wurde und zum Stillstand kam, als er mitsamt junger Kollegin von dem Exemplar verschlungen wurde wie Fahrer und Buchhändlerin, die sich jedwede Störung verbaten und die Neuankömmlinge aufforderten, sich zu einer anderen Seite zu begeben, von denen es glücklicherweise 460 gab, denn der Autor hatte vor Jahren einen Vertrag unterschrieben, in dem er sich verpflichtet hatte: alle zwei Jahre ein Buch, jedes Buch mit mindestens 450 Seiten.
Bei seinem Erstling in jenem Jahr seines noch vergeblichen Versuches, von vielen gelesen zu werden, wäre das Gedränge spätestens dann beängstigend geworden, wenn sich das Verschlingen von Lesern über drei Tage hingezogen hätte. Ruhm und Bücher mit mehr als 450 Seiten hatten aber nicht mehr lange auf sich warten lassen, worüber sich Verlag und Autor auch noch freuten, als die Polizei anrief.
„Wir haben ein Exemplar des neuen Romans gefunden. Es lag vor einer Buchhandlung auf der Straße. In Berührung sind damit gekommen der Fahrer, der die Bücher auslieferte, eine Buchhändlerin, zwei Polizeibeamte, drei Spurensicherer und zwei Laborkräfte. Fahrer, Buchhändlerin und Laborkräfte sind seitdem verschwunden", teilte eine männliche Stimme Verlag und Autor mit, die sich darauf zwar keinen Reim machen konnten, obwohl auch ein Lektor seit geraumer Zeit verschwunden war, aber das mysteriöse Verschwinden sogleich als Chance erkannten, aus der eine Pressemitteilung wurde: „5000 Euro Belohnung für sachdienliche Hinweise. Polizei, Verlag und Autor stehen vor einem Rätsel", das der hoffnungsvolle Spurensicherer löste, der noch einmal ins Labor zurückgekehrt war, als er das Exemplar aufschlug. Doch seinen Kollegen das mitteilen konnte er so wenig, wie er auf der Seite verweilen konnte, die einen Mann mit Brille beheimatete.
„Suchen Sie sich gefälligst eine andere Seite. Es gibt genug davon."
Bewegung in die auf sechs angewachsene Zahl der Verschlungenen kam immer nur beim Umblättern, das sich eingespielt hatte, als alle wussten: Der Fahrer war der ungeübteste Leser. Dieses Problem hatten sie mit Geduld gelöst, aber ein anderes duldete keinen Aufschub mehr, so dass sie sich um Mitternacht auf Seite 128 versammelten.
„Ich kenne das Buch ab Seite 214", sagte der Bebrillte. „Mich würde interessieren, was vorher passiert ist."
Das wusste die Buchhändlerin, die von der Seite 180 verschlungen worden war, aber dennoch nicht alles wusste: „Wer sind Sie eigentlich?"
Worauf der Mann mit Haarkranz die Brille absetzte: „Ich bin der Lektor."
„Dann müssen Sie doch den ganzen Roman kennen."
„Ich lese seine Romane schon lange nicht mehr. Sie werden sowieso veröffentlicht", gewährte der Lektor daraufhin einen Einblick in Verlagsgeschäfte bei Bestsellern.
Anschließend steuerten die Laborkräfte ihr Wissen über die Seiten 130 bis 170 bei. Zum Schweigen verurteilt wurde dagegen der Fahrer, der von der Seite 300 verschlungen worden war, und der Spurensicherer konnte zur Aufklärung nach so kurzer Zeit noch nicht viel beitragen.
Das Exemplar dagegen trug bereits am nächsten Morgen zu weiteren Verschlungenen bei. Hilfestellung leistete die Putzfrau, die fröhlich summend das Labor von allerlei Spuren analytischen Vortagewerkes befreite, wozu das Exemplar, das auch von einem Spurensicherer keine Spur hinterlassen hatte, zwar nicht gehörte, aber die summende Putzfrau war eine von jenen Putzfrauen, die Anstoß nahmen an allem, was fehl am Platze zu sein schien. Also trug sie das Exemplar ins Archiv, ins Reich der Papiere zu dem Sammler von Akten.
„Das hat jemand im Labor vergessen."
„Sie haben das Buch im Labor gefunden? Dort sind gestern eine Kollegin und ein Kollege verschwunden. Auch ein Spurensicherer wird gesucht", schlug der Sammler von Akten das Buch auf und verschwand so schnell vor den Augen der nun nicht mehr summenden Putzfrau, dass diese laut um Hilfe schreiend die morgendliche Ruhe in allen Büros störte und für aufgeregtes Hin und Her irritierter Beamter in den Gängen sorgte.
„Wer schreit da um Hilfe?" wollten die Aufgescheuchten der Sache auf den Grund gehen, denn es kam selten vor, dass an dieser Stätte der Gesetzeshüter jemand um Hilfe schrie.
„Er ist vor meinen Augen verschwunden", stieß der Bericht der Putzfrau jedoch auf weniger Gehör als vor zehn Minuten noch ihre Hilfeschreie. Angefordert wurde statt dessen die Hilfe von Experten, die sich der Putzfrau an- und sie mitnahmen zu einem Gebäude, über das auch in dieser Stadt niemand gerne sprach, obwohl es dem Getuschel hinter vorgehaltenen Händen zu Folge eine Zeitlang auch der Frau des Polizeipräsidenten als vorübergehende Bleibe gedient hatte.
Für das Exemplar blieb das Polizeirevier vorerst Ort der Befriedigung von Unersättlichkeit, so dass die Gesetzes hütende Mannschaft um weitere sichtbare und Dienst tuende Mitglieder verringert wurde, bis eine Sonderkommission unter merkwürdiger Leitung den Auftrag bekam, dem Verschwinden weiterhin Pensionsberechtigter Einhalt zu gebieten. Erteilt wurde dieser Auftrag vom Polizeipräsidenten in einem kurzen, aber eindeutigen Telefonanruf, den nicht der Hauptkommissar, sondern ein zum Verhör geladener, vorübergehend im Dienstzimmer allein gelassener und dazu noch frecher Spitzbube entgegennahm.
„Das hört mir sofort auf. Sie sind mir persönlich dafür verantwortlich, dass niemand mehr verschwindet. Wenn das nicht sofort aufhört, müssen Sie mit Konsequenzen rechnen, Herr Stomporowski. Bilden Sie sofort eine Sonderkommission!"
„Ich heiße nicht Stomporowski, sondern Schneider."
„Also, ein Neuer. Warum weiß ich das nicht? Egal. Dann können Sie gleich beweisen, was Sie können, Herr Schneider", beendete der Polizeipräsident das Gespräch, das aus einem zum Verhör geladenen, vorübergehend im Dienstzimmer allein gelassenen und dazu noch frechen Spitzbuben einen mit allen Kompetenzen ausgestatteten Sonderermittler gemacht hatte, der zwar nicht unverzüglich, aber immerhin nach einigen Beratungen von den noch übrig gebliebenen sichtbaren Pensionsberechtigten ein Zimmer für seine wichtige Arbeit zugewiesen bekam, weil sich die noch nicht verschlungenen Gesetzeshüter darüber freuten, dass sie nicht anwesend gewesen waren, als der Polizeipräsident anrief.
„Ich jedenfalls habe keine Lust, den Kopf hinzuhalten, wenn noch mehr von uns verschwinden", lautete die übereinstimmende polizeiliche Auffassung.
Zu tun gab es erst einmal nichts, denn der spitzbübische Sonderermittler saß in seinem Zimmer, ließ sich Kaffee, dann Bier bringen und verbat sich jede Störung bei wichtigen Telefonanrufen, in denen er seinen Komplizen mitteilte, wo er sich mit einem ihm noch schleierhaften Auftrag befand.
„Wenn das, was du tust, so wichtig ist, solltest du eine Gehaltserhöhung fordern", feixten die Angerufenen, von denen lediglich einer tiefer schürfte.
„Es muss eine große Sache dahinter stecken, wenn die Polizei dich gewähren lässt. Sobald du mehr weißt, ruf mich an."
Von den Anrufen erschöpft und ein wenig vom Bier benebelt, verabschiedete sich der spitzbübische Sondervermittler in seinen ersten, wohl verdienten Feierabend.
„Morgen um 9 Uhr will ich hier alle sehen", war er sich seiner Wichtigkeit bewusst, an der niemand Zweifel hegte, denn auch der Polizeipräsident hatte sie nicht gehegt.
„Wir müssen das Umfeld der Verschwundenen sondieren", bewies der spitzbübische Sonderermittler beim ersten morgendlichen Treffen Fremdsprachenkenntnisse.
„Wir müssen Freunde, Bekannte und Ehepartner befragen und herausfinden, was die Verschwundenen vor ihrem Verschwinden getan, mit wem sie sich getroffen haben", leitete er die Ermittlungen ein, gerade so wie er es bei nächtlicher Lektüre aus einem Krimi gelernt hatte, den er in der rund um die Uhr geöffneten Bahnhofsbuchhandlung erworben, aber nicht bezahlt hatte.
„Wir müssen nach Übereinstimmungen suchen", hatte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission wahrscheinlich auch schon einmal einen Krimi gelesen.
„Das ist eine gute Idee", waren sich die beiden Krimi-Leseratten unverzüglich einig.
„Sie sind alle mit dem Buch in Berührung gekommen", erklomm das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission eine weitere Stufe weiser polizeilicher Ermittlungsarbeit.
Doch, dass ein Buch Menschen verschwinden lassen konnte, entzog sich bisherigem polizeilichem Wissensstand.
„Glauben Sie wirklich, dass uns das weiterbringt?" lautete folgerichtig die reihum gestellte Frage.
„Ich mein ja nur", trat das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission den Rückzug an. Jedoch: Es gab viel zu tun, also schwärmte die Sonderkommission zu Besuchen und Gesprächen aus, während sich der Sonderermittler in sein Büro zurückzog und in dem Krimi nach Hinweisen suchte, wie nach der Rückkehr der Sonderkommission weiter zu verfahren sei.
Der Krimi blieb so spannend, dass er alles um sich herum vergaß, die Mittagspause versäumte und zusammenzuckte, als das Telefon klingelte.
„Gibt es etwas Neues?" wollte der Polizeipräsident wissen.
„Wir ermitteln fieberhaft", legte der Sonderermittler den Krimi aus der Hand und lehnte sich in seinem Sessel zu weit zurück, rappelte sich wieder auf und griff nach dem baumelnden Telefonhörer, so dass ihm diese Anweisung zu Ohren kam.
„Ich will jeden Abend einen schriftlichen Bericht von Ihnen auf meinem Schreibtisch haben."
„Ich brauche eine zündende Idee" war dem spitzbübischen Sonderermittler bei diesem Telefongespräch klar geworden und sogleich besann er sich auf das, was er am besten konnte: stehlen.
Vielleicht hatte der Autor des Buches, das irgendwie mit dem Verschwinden von mehreren Personen in Verbindung stand, eine brauchbare, und wenn er Glück hatte, sogar eine zündende Idee.
Doch das polizeiliche Telefon klingelte bei Autor und bei Verlag in die Stille einer verwaisten Villa am Starnberger See und in verwaiste Verlagsbüros. Die Exemplare aus dem Lastkraftwagen, die nach dem Verschwinden des Fahrers größtenteils im Lager und kleineren Teils in die Büros zur näheren Begutachtung gebracht worden waren, hatten einen unglaublichen Appetit bewiesen und ein mittleres Unternehmen verschlungen.
In einem der Exemplare stritten sich Autor und Verlagsleiter.
„Was haben Sie denn da für ein Buch geschrieben?" fasste sich der Verlagsleiter nicht mehr, während der Autor auf der Seite 346 auf- und abwanderte und seinen Roman mit Füßen trat.
„Einen Roman, der sich kaum von den anderen unterscheidet. Etwas Neues fällt mir doch schon lange nicht mehr ein."
„Sie schlang die Arme um seinen Hals. Bald würden sie verschmelzen, eins sein in wilder Leidenschaft", zitierte der Verlagsleiter.
„So was habe ich drucken lassen?"
„Das wollen die Leute schließlich lesen", unterbrach der Autor seine Wanderung. „Sie haben sich nie darüber beschwert, dass meine Romane so erfolgreich sind."
„Aber jetzt will ich hier wieder raus", wünschte sich der Verlagsleiter in sein Büro zurück, in das er unverzüglich seine Sekretärin bitten würde, um ihr einen nicht sehr freundlichen, das Vertragsverhältnis beendenden Brief an den Autor zu diktieren.
„Wir befinden uns hier auf den Seiten 346 und 347", hatte der Autor bei seiner Wanderung etwas gelernt. „Vielleicht müssen wir zur letzten Seite, um das Buch wieder verlassen zu können."
„Worauf warten wir dann noch?" blätterte der Verlagsleiter so überraschend um, dass der Autor den Halt verlor und auf einen Absatz fiel, der mit der dichterischen Glanzleistung „Sie war nicht mehr so jung wie früher, aber noch immer schön" begann.
„Nicht so schnell", fand der Autor den Halt wieder. „Wir sollten uns langsam vortasten. Überall kann Gefahr auf uns lauern."
„Also gut. Sie kennen Ihr Buch also auch nicht so genau. Sonst würden Sie wohl kaum vor Gefahren warnen. Sonst wüssten Sie, wie das hier möglich ist."
„Wie ist das denn möglich?" fragte sich auch der Sonderermittler nach dem zweiten vergeblichen Anruf bei Autor und Verlag, „wie ist das denn möglich?" fragte sich ebenfalls die Sonderkommission nach der Rückkehr von den Gesprächen mit den Bekannten, Verwandten und Eheleuten der auf mysteriöse Art und Weise Verschwundenen.
„Wir sollten zu dem Verlag fahren und uns dort umsehen", bewies das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission erneut Zielstrebigkeit, die sie schnurstracks zu einem der auf dem Hof parkenden Fahrzeuge führte, wo sie ungeduldig auf einen Begleiter wartete, den sie endlich im Sonderermittler fand, der die Beifahrertür öffnete: „Ich habe leider keinen Führerschein, deswegen müssen Sie fahren."
Was der Sonderermittler verschwieg, war: Er hatte seinen Führerschein verloren, weil er nach einem ausgiebigen Kneipenbummel in eine Reihe parkender Autos gekracht war, von denen danach zwei nur noch Schrottwert hatten, wie zuvor bereits das Auto, hinter dessen Lenkrad der Sonderermittler saß. Erschwerend für Polizei und Staatsanwaltschaft kam hinzu: Das Auto hatte der Sonderermittler nach der ausgiebigen Kneipentour gestohlen.
„Sie haben also keinen Führerschein?" bekam das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission aus nunmehr verständlichen Gründen keine Antwort und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein, der sich vor dem Hauptbahnhof in mehrere Ströme aufteilte.
„Rechts ab", kannte der Sonderermittler den Weg zum Verlagsgebäude, denn als Spitzbube hatte er sich ausgezeichnete Ortskenntnisse erworben, mit denen er der Polizei, wenn sie ihm doch einmal fast auf die Schliche kam, so manches Schnippchen geschlagen hatte.
„Links vom Verlagsgebäude parken die Mitarbeiter", gab er nach zehn Minuten Fahrt weiteres Wissen preis, „aber dort rechts", wies er den richtigen Weg, „gibt es einen Parkplatz für Besucher."
„Was Sie so alles wissen", hätte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission beinahe die Einfahrt verfehlt. Auf dem Besucherparkplatz stand kein Auto.
„Das ist meistens so", hatte sich der Sonderermittler vor Jahren nach einem Banküberfall die meistens freien Parkplätze zunutze gemacht und vor dem Raub dort ein rotes Fahrzeug geparkt, mit dem ihm nach getaner Überfallarbeit um 15000 Euro reicher die reibungslose Flucht gelang, weil die Polizei nach einem blauen Fahrzeug fahndete.
„So, wie ich Sie kenne, wissen Sie auch, wo sich die Besucher des Verlages anmelden müssen", stieg das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission aus.
„Stimmt", strebte der Sonderermittler auf den Besuchereingang zu, ohne sich umzudrehen, verschwand durch die Drehtür und blickte sich um, doch im Empfangsraum war niemand.
„Sie ist wohl nur mal kurz weg", griff der Sonderermittler nach dem Buch, das aufgeschlagen auf dem Tresen lag, warf einen Blick auf die Seite 210 und ward nicht mehr gesehen.
„Das gibt es doch gar nicht", ahnte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission Unglaubliches und hielt Abstand zu dem Buch, während sie auf ihrem Handy die Telefonnummer des Polizeireviers wählte und einem Kollegen von der Sonderkommission mitteilte, was sie erlebt hatte.
„Unser Chef ist vor meinen Augen verschwunden."
„Was ist er?"
„Er ist einfach verschwunden. Als ob ihn das Buch verschlungen hätte."
„Welches Buch?" begriff ihr Kollege nicht sofort, aber dann doch: „Sie meinen das Buch?"
„Genau das", wiederholte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission und trat einen Schritt zurück.
„Rühren Sie das Buch bloß nicht an. Warten Sie vor dem Verlag auf uns. Wir sind gleich da."
„Er ist vor meinen Augen verschwunden", fixierte das einzige weibliche Mitglied das Verlagsgebäude, um die Gefahr zu bannen, die hinter allen Fenstern zu lauern schien und die von einem Buch ausging, woran sie nicht mehr zweifelte, obwohl die Reste ihres Verstandes, die noch nicht gelähmt waren, rebellierten und Zweifel forderten an der Vorstellung, dass ein Buch verantwortlich sein konnte für das Verschwinden von Menschen, eine Vorstellung, die für eine Putzfrau in einem Gebäude geendet hatte, über das niemand gerne sprach.
Endlich traf die Sonderkommission mit Verstärkung ein, riegelte das Gelände ab und traute sich keinen Schritt weiter.
„Wir sprengen das Gebäude", schwirrten Vorschläge hin und her, „wir legen es in Schutt und Asche", die schnell wieder verworfen wurden.
„Und wenn sich noch jemand im Gebäude befindet?"
„Ich sprenge es lieber in die Luft, bevor ich da reingehe."
„Wir bewachen das Gebäude. Mal sehen, was passiert. Wenn da Leute drin sind, müssen die ja irgendwann herauskommen."
„Was ist denn das für eine Polizeitaktik?" bohrte der Redakteur, der als Erster vom Verschwinden des Sonderermittlers erfahren und einen Fotografen mitgebracht hatte.
„Wir gehen da rein", bewies der Redakteur Mut des Wortes, dem er Taten folgen ließ, die nicht folgenlos blieben, berichtete der Fotograf eine Viertelstunde später, während seine Digitalkamera von Hand zu Hand wanderte, erstes Foto: Redakteur betritt ein Büro, zweites Foto: mehrere Schreibtische, aufgeschlagene Bücher, drittes Foto: ein aufgeschlagenes Buch, herangezoomt, viertes Foto: Redakteur greift nach einem Buch, fünftes Foto: das Buch liegt auf dem Boden, sechstes Foto: mehrere Schreibtische, aufgeschlagene Bücher, kein Redakteur.
„Ich muss damit sofort in die Redaktion. Das ist der Hammer", eroberte der Fotograf seine Digitalkamera zurück und eilte davon.
„Das Gebäude ist also leer", schwirrten wieder Vorschläge hin und her, „wir können es also in die Luft sprengen und dem Spuk ein Ende machen."
„Oder in Schutt und Asche legen."
„Wir rufen den Polizeipräsidenten an. Er soll entscheiden", klaubte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission die noch nicht gelähmten Reste ihres Verstandes zusammen.
Obwohl die Vorstellung, Verlagsgebäude, Bücher und damit das Problem in die Luft gehen oder von Flammen verzehren zu lassen, auf die Sonderkommission einen gewissen Reiz ausübte, fand dieser Vorschlag eine Mehrheit, die hauchdünn ausfiel.
„Warum rufen Sie mich an? Warum nicht den Chef der Sonderkommission? Wo ist der Schneider?" konnte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission nicht ohne Zeitverzug zur Sache kommen.
„Schneider ist verschwunden. Vor meinen Augen. In der Eingangshalle des Verlages."
„Der kann doch nicht einfach so seinen Dienst quittieren", erfasste der Polizeipräsident noch nicht den Ernst der Lage.
„Er hat sich in Luft aufgelöst, als er das Buch aufschlug", drückte sich das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission notgedrungen so deutlich aus, dass auch der Polizeipräsident den Boden der Tatsachen unter den Füßen verlor.
„Wir müssen das Problem so schnell wie möglich lösen", trieb das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission das Gespräch voran.
„Was haben Sie vor?"
„Das Gebäude ist leer. Auch ein Redakteur ist verschwunden. Ein Fotograf hat Fotos von seinem Verschwinden gemacht. Wir wollen das Gebäude in die Luft sprengen oder in Flammen aufgehen lassen."
„Sie wollen auf diese Weise alle Bücher verbrennen? Das kommt gar nicht in Frage. Sie sorgen mir dafür, dass niemand das Verlagsgebäude betritt."
„Wir haben das Gelände abgeriegelt."
„Gut. Tun Sie nichts weiter, bis ich da bin", machte der Polizeipräsident den Fall zur Chefsache.
Zur Chefsache hatte inzwischen auch der Verlagsleiter die Flucht aus dem Buch gemacht, blätterte sich mit dem Autor von Seite zu Seite und kündigte etwas Neues an: „Wenn ich Sie noch einmal ein Buch schreiben lasse, dann nie wieder eins mit mehr als 200 Seiten."
„Mir auch Recht", folgte der Autor dem Verlagsleiter. „Hauptsache, wir kommen hier wieder raus."
„Ich will hier endlich raus", hatte auch der Fahrer des Lastkraftwagens in einem anderen Exemplar immer sehnlicher nur noch diesen einzigen Wunsch, während sich der Lektor vornahm: „Das nächste Manuskript lese ich. Nie wieder lasse ich es zu, das ein Buch Leser verschlingt."
„Sie meinen also, dass dieses Buch am Verschwinden von Menschen die Schuld trägt?" vergewisserte sich der Polizeipräsident.
„Haben Sie eine andere Erklärung?" formulierten die Reste des noch nicht gelähmten Verstandes des einzigen weiblichen Mitgliedes der Sonderkommission eine Gegenfrage.
„Ich habe gar keine Erklärung. Ich weiß nur, dass weder Sprengstoff noch Brandstiftung Lösungen sein können."
In dieser Wunde stocherte die Abendzeitung auf den Seiten 1 bis 8 herum: „Wo ist unser Kollege? Warum sieht die Polizei tatenlos zu? Keine Sonder- eine Ratlos-Kommission. Stellt den Autor vor Gericht."
Auf Seite 8 kam einer der in solchen Fällen unverzichtbaren Experten zu Wort: „Eine Analyse der Werke von…" Angekündigt wurde eine Fortsetzung, denn die Antwort auf diese Frage duldete keinen langen Aufschub: „Wie pervers ist unser Literaturbetrieb?"
Pervers hätte dieser Experte auch gefunden, was auf Seite 402 eines der Exemplare an diesem Abend geschah, trafen sich dort doch Lkw-Fahrer und Buchhändlerin, um sich aneinander zu erfreuen, denn: „Wenn wir hier schon nicht rauskommen, dann ist sowieso alles egal. Dann sollten wir die Zeit nutzen."
Die Fernseh- und Rundfunkanstalten nutzten die Sendezeit zu Programmänderungen, die Probleme machten, denn im offiziellen Literaturbetrieb hatte der Autor des mysteriösen Buches bislang nur eine belächelte Rolle gespielt.
„Vielleicht hätten wir ihn Ernst nehmen sollen", fragten sich deshalb die eilig zusammengerufenen Diskussionsrunden, in denen es einen überall gern gesehenen Gast gab, der alles in der Schwebe ließ: „Die entscheidende Frage lautet doch: Handelt es sich bei diesem Buch um einen Roman? Ich kenne dieses Buch nicht."
Unbedingt kennen lernen wollte dieses Buch eine Menschenmenge, die sich vor dem Verlagsgebäude zusammenrottete und auf Transparenten forderte: „Freie Bücher für freie Bürger", „Lasst uns in den Verlag", „Weg mit dem Leseverbot".
„Wenn wir die in den Verlag lassen, sind wir sie los", ließ das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission seinen Gedanken freien Lauf.
„Besser sind Wasserwerfer", erstickte der Polizeipräsident jede Diskussion im Keime und gab entsprechende Anweisungen. Die Folgen waren: erst nasse Transparente, dann eine nasse Menschenmenge, schließlich eine flüchtende Menschenmenge, die sich in Nebenstraßen zerstreute und auf ihre Chance lauerte.
Mut machten den Demonstranten Fernsehredakteure im Scheinwerferlicht: „Sie wollen nur lesen, was sie möchten. Darf die Polizei dagegen mit Wasserwerfern vorgehen?"
„Sie wollen es nicht anders", schlussfolgerte der Polizeipräsident aus den Fernsehberichten und beriet sich mit dem einzigen weiblichen Mitglied der Sonderkommission: „Das Buch, das den Schneider verschlang, war aufgeschlagen?"
Das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission nickte.
„Man muss das Buch aufschlagen, damit es einen verschlingt", spann der Polizeipräsident den Faden weiter und fasste einen Entschluss.
„Wir riegeln das Verlagsgebäude nicht mehr ab. Wir gehen in das Gebäude. Wir brauchen Geräte, mit denen wir aufgeschlagene Bücher zuklappen können. Die werfen wir dann der Meute vor die Füße."
Gesagt, Greifarme aus einer orthopädischen Klinik besorgt, kinderleicht zu bedienen, griffstark und präzise, klappten auch Bücher zu, trugen sie zu den Fenstern und warfen sie in die Menge, die sich auf die Exemplare stürzte, die begierig lesen wollte, um die Freiheit des Wortes zu retten und die Verteidigung des Grundgesetzes mit dem Verschwinden bezahlte.
„Das wäre geschafft", zeigte sich der Polizeipräsident aus einem Fenster im ersten Stock zufrieden. „Jetzt sammeln wir die Bücher wieder ein und bringen sie ins Lager. Das Lager wird versiegelt."
So geschah es, die Sonderkommission kehrte ins Revier zurück und bildete eine gesellige Runde, zu der sich nur das einzige weibliche Mitglied nicht gesellte, weil auch diese Frage noch offen war: „Wo ist das Exemplar geblieben, das die Putzfrau im Labor gefunden hat?"
Die Suche blieb erfolglos im Büro des verschwundenen Sonderermittlers, in den anderen Büros, in den Gängen und Fluren, sie musste erfolglos bleiben, weil ein Junge das Buch mitgenommen hatte und unter dem Arm durch die Stadt trug. Der Junge hieß Patrick, war drei Jahre alt, hatte sich auf den Weg zum Revier gemacht, um seinen Vater abzuholen, der jedoch im Einsatz war und deswegen nicht in seinem Büro.
Gefahr bestand für ihn nicht, denn er war des Lesens noch nicht mächtig, mochten auch die jüngsten Schlagzeilen der Abendzeitung noch so schreiend sein und die zweite Analyse des Literaturexperten noch so brillant: „Sex und Gewalt müssen aus Büchern verschwinden" - bevor weitere Leser verschwanden, wie der Autor verschwunden war, der sich mit dem Verlagsleiter bis zur letzten Seite vorgeblättert hatte, aber ein Gefangener blieb.
„Und was machen wir nun?" wollte der Verlagsleiter ohne weitere schuldhafte Verzögerung des Autors endlich eine befreiende Antwort, die jener auch nicht schuldig bleiben wollte: „Wir müssen noch mal von vorne anfangen."
„Was müssen wir?"
„Noch einmal von vorne anfangen", gönnte sich der Autor auf dem letzten Absatz seines Romans eine Ruhepause. Er lautete: „Er ließ seine Pistole sinken. Es war vorbei. Sie hatten ihn dazu gezwungen, sie hatten ihn zum Mörder gemacht. Angela, dachte er, Angela wird mir das nie verzeihen."
Der Verlagsleiter setzte sich ebenfalls.
„Sie scheinen angestrengt nachzudenken. Worüber?"
Der Autor sprudelte wie sonst nur an seinem Schreibtisch.
„Warum erzielen meine Bücher so hohe Auflagen? Weil sie spannend sind. Also müssen wir alle spannenden Stellen herausreißen. Außerdem werden sie gelesen, weil ich sehr freizügig schreibe. Also müssen wir auch diese Stellen herausreißen. Dann wird uns das Buch wieder frei geben. Ich bin sicher."
„Es ist auf jeden Fall noch einen Versuch wert", stand der Verlagsleiter auf.
Patrick bog ein in die Straße, in der sein Elternhaus stand, hüpfte durch den Garten, die offen stehende Terrassentür, durch Wohnzimmer und Flur, die Treppe hinauf in sein Zimmer und legte das Buch auf das Regal neben seinem Bett. Als er schon lange eingeschlafen war, hatten Verlagsleiter und Autor alle spannenden und freizügigen Passagen in Papierschnipsel verwandelt. Als das Buch sie in die Freiheit entließ, hatte es noch 18 unversehrte Seiten.
Die Kunde von der Befreiung des Autors und des Verlagsleiters verbreitete sich wie ein Lauffeuer, im Verlagslager befreit wurden in den nächsten Tagen die verschwundenen Demonstranten, der verschwundene Sonderermittler und der verschwundene Redakteur von Eliteeinheiten, die sich tapfer in die Bücher schlugen.
Gefangene blieben der Lkw-Fahrer, die Buchhändlerin, der Lektor, die Laborkräfte, der Archivar und nicht mehr Dienst tuende Mitglieder des Kommissariats in jenem Exemplar, das in Patricks Kinderzimmer auf dem Regal neben dem Bett des Dreijährigen lag.
Der Autor hatte in der Abendzeitung zwar versprochen, fortan nur noch langweilige Bücher zu schreiben, aber das letzte unversehrte Exemplar blieb verschwunden. Patrick hatte es längst begraben unter Dingen, mit denen sich Jungen seines Alters gemeinhin beschäftigen, während sich der diebische Sonderermittler nicht mehr mit der Lösung von Kriminalfällen an die Spitze von Sonderkommissionen mogelte, sondern auf eigenes Risiko neue Kriminalfälle erfand und der Literaturexperte, der sich mit brillanten Analysen für die Abendzeitung unentbehrlich gemacht hatte, an Neuerscheinungen herummäkelte: „Müssen Bücher wirklich so dünn sein?"
Wenn Sie dieses Buch aufschlagen, ist es zu spät, eine Rückkehr ausgeschlossen, Gefangenschaft zwischen zwei Buchdeckeln sicher, verlockend gestaltete Buchdeckel, der Titel Neugier weckend, sogar die des Fahrers, der den ersten Halt gemacht hat vor einer Buchhandlung in der Vorstadt, die Plane öffnete, die Luke fiel wie der oberste Karton, „so ein Mist", schimpfte der Fahrer, den Karton verfehlend, aus dem sich beim Aufprall ein Exemplar stahl und sich öffnete, als er es in den Karton zu den anderen Exemplaren zurückschieben wollte, was ihm nicht mehr gelang.
„Das verstehe ich nicht", behielt die Buchhändlerin Straße und Lastkraftwagen im Blick.
„Ich habe den Fahrer doch gesehen, bevor er sich bückte. Warum richtet er sich nicht wieder auf? Warum bleibt er verschwunden?"
Fragen, die beantwortet wurden, als sie sich von ihrem Platz löste, an den Regalen vorbei die Buchhandlung verließ und im Sonnenschein stehend nichts weiter sah als den Lastkraftwagen, einen aufgeplatzten Bücherkarton und ein Exemplar, in dem der Wind blätterte und sie verführte, eine Zeile zu lesen, die sie mitnahm zu dem Fahrer, der nur kurz aufblickte.
„Was wollen Sie denn hier? Stören Sie mich bitte nicht."
Doch auch auf einer anderen Seite war sie nicht allein, denn dort schob ein Mann, während er den Kopf mit Haarkranz hob, die Brille den Nasenrücken hinauf.
„Ich verbitte mir jede Störung. Lesen Sie bitte eine andere Seite."
Eine halbe Stunde später stoppte ein Streifenwagen hinter Lastkraftwagen, aufgeplatztem Karton und Exemplar, in dem der Wind blätterte, eine ältere Frau beugte sich im ersten Stock aus dem Fenster, sie hatte die Polizei alarmiert, vor Aufregung Sätze ausstoßend: „Vor dem Haus steht ein Lkw. Seit einer Stunde. Der Fahrer ist verschwunden."
„Ein Bücherkarton und ein Buch, das herausgefallen ist", kam einer der beiden Beamten zu einer ersten Beurteilung der Situation, deren Tragweite er noch nicht erkannte, während sein Kollege einen Blick in die Fahrerkabine warf, feststellte und ankündigte: „Hier ist niemand. Ich gehe mal in die Buchhandlung."
Dort stieß er weder auf Fahrer noch auf Buchhändlerin.
„Das verstehe ich nicht", fand er keine Erklärung für das Verschwinden der beiden, ratlos war auch sein Kollege, der den Bücherkarton aufgehoben und zu den anderen Kartons zurückbugsiert hatte und nach dem Exemplar greifen wollte, in dem der Wind blätterte.
„Rühr das nicht an", wurde die nächste Entführung verhindert. „Ich rufe die Spurensicherung an. Hier ist etwas faul."
Kurz vor elf gab es Kreidestriche auf dem Asphalt, die markierten, wo aufgeplatzter Karton und Exemplar gelegen hatten, das sich nun in einer Plastikhülle befand, die den Wind an weiterer verhängnisvoller Blätterei hinderte.
„Bringt das Buch sofort ins Labor. Vielleicht finden wir Fingerabdrücke, die mit den Fingerabdrücken in der Fahrerkabine übereinstimmen", schöpfte einer der drei Spurensicherer Hoffnung, obwohl er nicht wusste, wie eine Übereinstimmung die Arbeit der Ermittler voranbringen sollte.
„Und was machen wir mit dem Lkw?" fragten die beiden Beamten, die als erste am Ort des mysteriösen Verschwindens von Fahrer und Buchhändlerin gewesen waren.
„Den soll der Verlag abholen", entschied der hoffnungsvolle Spurensicherer. „Erstens behindert er den Verkehr und zweitens brauchen wir ihn nicht mehr."
Als die ältere Frau um die Mittagszeit wieder einmal aus dem Fenster nach dem Rechten schaute, wie sie das in regelmäßigen Abständen zu tun pflegte, zeugten nur noch Kreidestriche auf dem Asphalt davon, dass sich an diesem Vormittag etwas Ungewöhnliches ereignet hatte, während sich im Labor der Polizei weitere Glieder an eine immer größere Kette ungewöhnlicher Ereignisse reihten, denn als der hoffnungsvolle Spurensicherer am späten Nachmittag das Labor betrat, waren ebenfalls verschwunden: die junge, stets fröhliche und schwarz gelockte Laborantin und ihr erfahrener Kollege, der sich nur noch darüber wunderte, dass ihm die Wartezeit bis zu seiner Pensionierung von Tag zu Tag länger zu werden schien, obwohl sie mit jedem Arbeitstag kürzer wurde und zum Stillstand kam, als er mitsamt junger Kollegin von dem Exemplar verschlungen wurde wie Fahrer und Buchhändlerin, die sich jedwede Störung verbaten und die Neuankömmlinge aufforderten, sich zu einer anderen Seite zu begeben, von denen es glücklicherweise 460 gab, denn der Autor hatte vor Jahren einen Vertrag unterschrieben, in dem er sich verpflichtet hatte: alle zwei Jahre ein Buch, jedes Buch mit mindestens 450 Seiten.
Bei seinem Erstling in jenem Jahr seines noch vergeblichen Versuches, von vielen gelesen zu werden, wäre das Gedränge spätestens dann beängstigend geworden, wenn sich das Verschlingen von Lesern über drei Tage hingezogen hätte. Ruhm und Bücher mit mehr als 450 Seiten hatten aber nicht mehr lange auf sich warten lassen, worüber sich Verlag und Autor auch noch freuten, als die Polizei anrief.
„Wir haben ein Exemplar des neuen Romans gefunden. Es lag vor einer Buchhandlung auf der Straße. In Berührung sind damit gekommen der Fahrer, der die Bücher auslieferte, eine Buchhändlerin, zwei Polizeibeamte, drei Spurensicherer und zwei Laborkräfte. Fahrer, Buchhändlerin und Laborkräfte sind seitdem verschwunden", teilte eine männliche Stimme Verlag und Autor mit, die sich darauf zwar keinen Reim machen konnten, obwohl auch ein Lektor seit geraumer Zeit verschwunden war, aber das mysteriöse Verschwinden sogleich als Chance erkannten, aus der eine Pressemitteilung wurde: „5000 Euro Belohnung für sachdienliche Hinweise. Polizei, Verlag und Autor stehen vor einem Rätsel", das der hoffnungsvolle Spurensicherer löste, der noch einmal ins Labor zurückgekehrt war, als er das Exemplar aufschlug. Doch seinen Kollegen das mitteilen konnte er so wenig, wie er auf der Seite verweilen konnte, die einen Mann mit Brille beheimatete.
„Suchen Sie sich gefälligst eine andere Seite. Es gibt genug davon."
Bewegung in die auf sechs angewachsene Zahl der Verschlungenen kam immer nur beim Umblättern, das sich eingespielt hatte, als alle wussten: Der Fahrer war der ungeübteste Leser. Dieses Problem hatten sie mit Geduld gelöst, aber ein anderes duldete keinen Aufschub mehr, so dass sie sich um Mitternacht auf Seite 128 versammelten.
„Ich kenne das Buch ab Seite 214", sagte der Bebrillte. „Mich würde interessieren, was vorher passiert ist."
Das wusste die Buchhändlerin, die von der Seite 180 verschlungen worden war, aber dennoch nicht alles wusste: „Wer sind Sie eigentlich?"
Worauf der Mann mit Haarkranz die Brille absetzte: „Ich bin der Lektor."
„Dann müssen Sie doch den ganzen Roman kennen."
„Ich lese seine Romane schon lange nicht mehr. Sie werden sowieso veröffentlicht", gewährte der Lektor daraufhin einen Einblick in Verlagsgeschäfte bei Bestsellern.
Anschließend steuerten die Laborkräfte ihr Wissen über die Seiten 130 bis 170 bei. Zum Schweigen verurteilt wurde dagegen der Fahrer, der von der Seite 300 verschlungen worden war, und der Spurensicherer konnte zur Aufklärung nach so kurzer Zeit noch nicht viel beitragen.
Das Exemplar dagegen trug bereits am nächsten Morgen zu weiteren Verschlungenen bei. Hilfestellung leistete die Putzfrau, die fröhlich summend das Labor von allerlei Spuren analytischen Vortagewerkes befreite, wozu das Exemplar, das auch von einem Spurensicherer keine Spur hinterlassen hatte, zwar nicht gehörte, aber die summende Putzfrau war eine von jenen Putzfrauen, die Anstoß nahmen an allem, was fehl am Platze zu sein schien. Also trug sie das Exemplar ins Archiv, ins Reich der Papiere zu dem Sammler von Akten.
„Das hat jemand im Labor vergessen."
„Sie haben das Buch im Labor gefunden? Dort sind gestern eine Kollegin und ein Kollege verschwunden. Auch ein Spurensicherer wird gesucht", schlug der Sammler von Akten das Buch auf und verschwand so schnell vor den Augen der nun nicht mehr summenden Putzfrau, dass diese laut um Hilfe schreiend die morgendliche Ruhe in allen Büros störte und für aufgeregtes Hin und Her irritierter Beamter in den Gängen sorgte.
„Wer schreit da um Hilfe?" wollten die Aufgescheuchten der Sache auf den Grund gehen, denn es kam selten vor, dass an dieser Stätte der Gesetzeshüter jemand um Hilfe schrie.
„Er ist vor meinen Augen verschwunden", stieß der Bericht der Putzfrau jedoch auf weniger Gehör als vor zehn Minuten noch ihre Hilfeschreie. Angefordert wurde statt dessen die Hilfe von Experten, die sich der Putzfrau an- und sie mitnahmen zu einem Gebäude, über das auch in dieser Stadt niemand gerne sprach, obwohl es dem Getuschel hinter vorgehaltenen Händen zu Folge eine Zeitlang auch der Frau des Polizeipräsidenten als vorübergehende Bleibe gedient hatte.
Für das Exemplar blieb das Polizeirevier vorerst Ort der Befriedigung von Unersättlichkeit, so dass die Gesetzes hütende Mannschaft um weitere sichtbare und Dienst tuende Mitglieder verringert wurde, bis eine Sonderkommission unter merkwürdiger Leitung den Auftrag bekam, dem Verschwinden weiterhin Pensionsberechtigter Einhalt zu gebieten. Erteilt wurde dieser Auftrag vom Polizeipräsidenten in einem kurzen, aber eindeutigen Telefonanruf, den nicht der Hauptkommissar, sondern ein zum Verhör geladener, vorübergehend im Dienstzimmer allein gelassener und dazu noch frecher Spitzbube entgegennahm.
„Das hört mir sofort auf. Sie sind mir persönlich dafür verantwortlich, dass niemand mehr verschwindet. Wenn das nicht sofort aufhört, müssen Sie mit Konsequenzen rechnen, Herr Stomporowski. Bilden Sie sofort eine Sonderkommission!"
„Ich heiße nicht Stomporowski, sondern Schneider."
„Also, ein Neuer. Warum weiß ich das nicht? Egal. Dann können Sie gleich beweisen, was Sie können, Herr Schneider", beendete der Polizeipräsident das Gespräch, das aus einem zum Verhör geladenen, vorübergehend im Dienstzimmer allein gelassenen und dazu noch frechen Spitzbuben einen mit allen Kompetenzen ausgestatteten Sonderermittler gemacht hatte, der zwar nicht unverzüglich, aber immerhin nach einigen Beratungen von den noch übrig gebliebenen sichtbaren Pensionsberechtigten ein Zimmer für seine wichtige Arbeit zugewiesen bekam, weil sich die noch nicht verschlungenen Gesetzeshüter darüber freuten, dass sie nicht anwesend gewesen waren, als der Polizeipräsident anrief.
„Ich jedenfalls habe keine Lust, den Kopf hinzuhalten, wenn noch mehr von uns verschwinden", lautete die übereinstimmende polizeiliche Auffassung.
Zu tun gab es erst einmal nichts, denn der spitzbübische Sonderermittler saß in seinem Zimmer, ließ sich Kaffee, dann Bier bringen und verbat sich jede Störung bei wichtigen Telefonanrufen, in denen er seinen Komplizen mitteilte, wo er sich mit einem ihm noch schleierhaften Auftrag befand.
„Wenn das, was du tust, so wichtig ist, solltest du eine Gehaltserhöhung fordern", feixten die Angerufenen, von denen lediglich einer tiefer schürfte.
„Es muss eine große Sache dahinter stecken, wenn die Polizei dich gewähren lässt. Sobald du mehr weißt, ruf mich an."
Von den Anrufen erschöpft und ein wenig vom Bier benebelt, verabschiedete sich der spitzbübische Sondervermittler in seinen ersten, wohl verdienten Feierabend.
„Morgen um 9 Uhr will ich hier alle sehen", war er sich seiner Wichtigkeit bewusst, an der niemand Zweifel hegte, denn auch der Polizeipräsident hatte sie nicht gehegt.
„Wir müssen das Umfeld der Verschwundenen sondieren", bewies der spitzbübische Sonderermittler beim ersten morgendlichen Treffen Fremdsprachenkenntnisse.
„Wir müssen Freunde, Bekannte und Ehepartner befragen und herausfinden, was die Verschwundenen vor ihrem Verschwinden getan, mit wem sie sich getroffen haben", leitete er die Ermittlungen ein, gerade so wie er es bei nächtlicher Lektüre aus einem Krimi gelernt hatte, den er in der rund um die Uhr geöffneten Bahnhofsbuchhandlung erworben, aber nicht bezahlt hatte.
„Wir müssen nach Übereinstimmungen suchen", hatte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission wahrscheinlich auch schon einmal einen Krimi gelesen.
„Das ist eine gute Idee", waren sich die beiden Krimi-Leseratten unverzüglich einig.
„Sie sind alle mit dem Buch in Berührung gekommen", erklomm das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission eine weitere Stufe weiser polizeilicher Ermittlungsarbeit.
Doch, dass ein Buch Menschen verschwinden lassen konnte, entzog sich bisherigem polizeilichem Wissensstand.
„Glauben Sie wirklich, dass uns das weiterbringt?" lautete folgerichtig die reihum gestellte Frage.
„Ich mein ja nur", trat das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission den Rückzug an. Jedoch: Es gab viel zu tun, also schwärmte die Sonderkommission zu Besuchen und Gesprächen aus, während sich der Sonderermittler in sein Büro zurückzog und in dem Krimi nach Hinweisen suchte, wie nach der Rückkehr der Sonderkommission weiter zu verfahren sei.
Der Krimi blieb so spannend, dass er alles um sich herum vergaß, die Mittagspause versäumte und zusammenzuckte, als das Telefon klingelte.
„Gibt es etwas Neues?" wollte der Polizeipräsident wissen.
„Wir ermitteln fieberhaft", legte der Sonderermittler den Krimi aus der Hand und lehnte sich in seinem Sessel zu weit zurück, rappelte sich wieder auf und griff nach dem baumelnden Telefonhörer, so dass ihm diese Anweisung zu Ohren kam.
„Ich will jeden Abend einen schriftlichen Bericht von Ihnen auf meinem Schreibtisch haben."
„Ich brauche eine zündende Idee" war dem spitzbübischen Sonderermittler bei diesem Telefongespräch klar geworden und sogleich besann er sich auf das, was er am besten konnte: stehlen.
Vielleicht hatte der Autor des Buches, das irgendwie mit dem Verschwinden von mehreren Personen in Verbindung stand, eine brauchbare, und wenn er Glück hatte, sogar eine zündende Idee.
Doch das polizeiliche Telefon klingelte bei Autor und bei Verlag in die Stille einer verwaisten Villa am Starnberger See und in verwaiste Verlagsbüros. Die Exemplare aus dem Lastkraftwagen, die nach dem Verschwinden des Fahrers größtenteils im Lager und kleineren Teils in die Büros zur näheren Begutachtung gebracht worden waren, hatten einen unglaublichen Appetit bewiesen und ein mittleres Unternehmen verschlungen.
In einem der Exemplare stritten sich Autor und Verlagsleiter.
„Was haben Sie denn da für ein Buch geschrieben?" fasste sich der Verlagsleiter nicht mehr, während der Autor auf der Seite 346 auf- und abwanderte und seinen Roman mit Füßen trat.
„Einen Roman, der sich kaum von den anderen unterscheidet. Etwas Neues fällt mir doch schon lange nicht mehr ein."
„Sie schlang die Arme um seinen Hals. Bald würden sie verschmelzen, eins sein in wilder Leidenschaft", zitierte der Verlagsleiter.
„So was habe ich drucken lassen?"
„Das wollen die Leute schließlich lesen", unterbrach der Autor seine Wanderung. „Sie haben sich nie darüber beschwert, dass meine Romane so erfolgreich sind."
„Aber jetzt will ich hier wieder raus", wünschte sich der Verlagsleiter in sein Büro zurück, in das er unverzüglich seine Sekretärin bitten würde, um ihr einen nicht sehr freundlichen, das Vertragsverhältnis beendenden Brief an den Autor zu diktieren.
„Wir befinden uns hier auf den Seiten 346 und 347", hatte der Autor bei seiner Wanderung etwas gelernt. „Vielleicht müssen wir zur letzten Seite, um das Buch wieder verlassen zu können."
„Worauf warten wir dann noch?" blätterte der Verlagsleiter so überraschend um, dass der Autor den Halt verlor und auf einen Absatz fiel, der mit der dichterischen Glanzleistung „Sie war nicht mehr so jung wie früher, aber noch immer schön" begann.
„Nicht so schnell", fand der Autor den Halt wieder. „Wir sollten uns langsam vortasten. Überall kann Gefahr auf uns lauern."
„Also gut. Sie kennen Ihr Buch also auch nicht so genau. Sonst würden Sie wohl kaum vor Gefahren warnen. Sonst wüssten Sie, wie das hier möglich ist."
„Wie ist das denn möglich?" fragte sich auch der Sonderermittler nach dem zweiten vergeblichen Anruf bei Autor und Verlag, „wie ist das denn möglich?" fragte sich ebenfalls die Sonderkommission nach der Rückkehr von den Gesprächen mit den Bekannten, Verwandten und Eheleuten der auf mysteriöse Art und Weise Verschwundenen.
„Wir sollten zu dem Verlag fahren und uns dort umsehen", bewies das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission erneut Zielstrebigkeit, die sie schnurstracks zu einem der auf dem Hof parkenden Fahrzeuge führte, wo sie ungeduldig auf einen Begleiter wartete, den sie endlich im Sonderermittler fand, der die Beifahrertür öffnete: „Ich habe leider keinen Führerschein, deswegen müssen Sie fahren."
Was der Sonderermittler verschwieg, war: Er hatte seinen Führerschein verloren, weil er nach einem ausgiebigen Kneipenbummel in eine Reihe parkender Autos gekracht war, von denen danach zwei nur noch Schrottwert hatten, wie zuvor bereits das Auto, hinter dessen Lenkrad der Sonderermittler saß. Erschwerend für Polizei und Staatsanwaltschaft kam hinzu: Das Auto hatte der Sonderermittler nach der ausgiebigen Kneipentour gestohlen.
„Sie haben also keinen Führerschein?" bekam das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission aus nunmehr verständlichen Gründen keine Antwort und fädelte sich in den fließenden Verkehr ein, der sich vor dem Hauptbahnhof in mehrere Ströme aufteilte.
„Rechts ab", kannte der Sonderermittler den Weg zum Verlagsgebäude, denn als Spitzbube hatte er sich ausgezeichnete Ortskenntnisse erworben, mit denen er der Polizei, wenn sie ihm doch einmal fast auf die Schliche kam, so manches Schnippchen geschlagen hatte.
„Links vom Verlagsgebäude parken die Mitarbeiter", gab er nach zehn Minuten Fahrt weiteres Wissen preis, „aber dort rechts", wies er den richtigen Weg, „gibt es einen Parkplatz für Besucher."
„Was Sie so alles wissen", hätte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission beinahe die Einfahrt verfehlt. Auf dem Besucherparkplatz stand kein Auto.
„Das ist meistens so", hatte sich der Sonderermittler vor Jahren nach einem Banküberfall die meistens freien Parkplätze zunutze gemacht und vor dem Raub dort ein rotes Fahrzeug geparkt, mit dem ihm nach getaner Überfallarbeit um 15000 Euro reicher die reibungslose Flucht gelang, weil die Polizei nach einem blauen Fahrzeug fahndete.
„So, wie ich Sie kenne, wissen Sie auch, wo sich die Besucher des Verlages anmelden müssen", stieg das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission aus.
„Stimmt", strebte der Sonderermittler auf den Besuchereingang zu, ohne sich umzudrehen, verschwand durch die Drehtür und blickte sich um, doch im Empfangsraum war niemand.
„Sie ist wohl nur mal kurz weg", griff der Sonderermittler nach dem Buch, das aufgeschlagen auf dem Tresen lag, warf einen Blick auf die Seite 210 und ward nicht mehr gesehen.
„Das gibt es doch gar nicht", ahnte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission Unglaubliches und hielt Abstand zu dem Buch, während sie auf ihrem Handy die Telefonnummer des Polizeireviers wählte und einem Kollegen von der Sonderkommission mitteilte, was sie erlebt hatte.
„Unser Chef ist vor meinen Augen verschwunden."
„Was ist er?"
„Er ist einfach verschwunden. Als ob ihn das Buch verschlungen hätte."
„Welches Buch?" begriff ihr Kollege nicht sofort, aber dann doch: „Sie meinen das Buch?"
„Genau das", wiederholte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission und trat einen Schritt zurück.
„Rühren Sie das Buch bloß nicht an. Warten Sie vor dem Verlag auf uns. Wir sind gleich da."
„Er ist vor meinen Augen verschwunden", fixierte das einzige weibliche Mitglied das Verlagsgebäude, um die Gefahr zu bannen, die hinter allen Fenstern zu lauern schien und die von einem Buch ausging, woran sie nicht mehr zweifelte, obwohl die Reste ihres Verstandes, die noch nicht gelähmt waren, rebellierten und Zweifel forderten an der Vorstellung, dass ein Buch verantwortlich sein konnte für das Verschwinden von Menschen, eine Vorstellung, die für eine Putzfrau in einem Gebäude geendet hatte, über das niemand gerne sprach.
Endlich traf die Sonderkommission mit Verstärkung ein, riegelte das Gelände ab und traute sich keinen Schritt weiter.
„Wir sprengen das Gebäude", schwirrten Vorschläge hin und her, „wir legen es in Schutt und Asche", die schnell wieder verworfen wurden.
„Und wenn sich noch jemand im Gebäude befindet?"
„Ich sprenge es lieber in die Luft, bevor ich da reingehe."
„Wir bewachen das Gebäude. Mal sehen, was passiert. Wenn da Leute drin sind, müssen die ja irgendwann herauskommen."
„Was ist denn das für eine Polizeitaktik?" bohrte der Redakteur, der als Erster vom Verschwinden des Sonderermittlers erfahren und einen Fotografen mitgebracht hatte.
„Wir gehen da rein", bewies der Redakteur Mut des Wortes, dem er Taten folgen ließ, die nicht folgenlos blieben, berichtete der Fotograf eine Viertelstunde später, während seine Digitalkamera von Hand zu Hand wanderte, erstes Foto: Redakteur betritt ein Büro, zweites Foto: mehrere Schreibtische, aufgeschlagene Bücher, drittes Foto: ein aufgeschlagenes Buch, herangezoomt, viertes Foto: Redakteur greift nach einem Buch, fünftes Foto: das Buch liegt auf dem Boden, sechstes Foto: mehrere Schreibtische, aufgeschlagene Bücher, kein Redakteur.
„Ich muss damit sofort in die Redaktion. Das ist der Hammer", eroberte der Fotograf seine Digitalkamera zurück und eilte davon.
„Das Gebäude ist also leer", schwirrten wieder Vorschläge hin und her, „wir können es also in die Luft sprengen und dem Spuk ein Ende machen."
„Oder in Schutt und Asche legen."
„Wir rufen den Polizeipräsidenten an. Er soll entscheiden", klaubte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission die noch nicht gelähmten Reste ihres Verstandes zusammen.
Obwohl die Vorstellung, Verlagsgebäude, Bücher und damit das Problem in die Luft gehen oder von Flammen verzehren zu lassen, auf die Sonderkommission einen gewissen Reiz ausübte, fand dieser Vorschlag eine Mehrheit, die hauchdünn ausfiel.
„Warum rufen Sie mich an? Warum nicht den Chef der Sonderkommission? Wo ist der Schneider?" konnte das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission nicht ohne Zeitverzug zur Sache kommen.
„Schneider ist verschwunden. Vor meinen Augen. In der Eingangshalle des Verlages."
„Der kann doch nicht einfach so seinen Dienst quittieren", erfasste der Polizeipräsident noch nicht den Ernst der Lage.
„Er hat sich in Luft aufgelöst, als er das Buch aufschlug", drückte sich das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission notgedrungen so deutlich aus, dass auch der Polizeipräsident den Boden der Tatsachen unter den Füßen verlor.
„Wir müssen das Problem so schnell wie möglich lösen", trieb das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission das Gespräch voran.
„Was haben Sie vor?"
„Das Gebäude ist leer. Auch ein Redakteur ist verschwunden. Ein Fotograf hat Fotos von seinem Verschwinden gemacht. Wir wollen das Gebäude in die Luft sprengen oder in Flammen aufgehen lassen."
„Sie wollen auf diese Weise alle Bücher verbrennen? Das kommt gar nicht in Frage. Sie sorgen mir dafür, dass niemand das Verlagsgebäude betritt."
„Wir haben das Gelände abgeriegelt."
„Gut. Tun Sie nichts weiter, bis ich da bin", machte der Polizeipräsident den Fall zur Chefsache.
Zur Chefsache hatte inzwischen auch der Verlagsleiter die Flucht aus dem Buch gemacht, blätterte sich mit dem Autor von Seite zu Seite und kündigte etwas Neues an: „Wenn ich Sie noch einmal ein Buch schreiben lasse, dann nie wieder eins mit mehr als 200 Seiten."
„Mir auch Recht", folgte der Autor dem Verlagsleiter. „Hauptsache, wir kommen hier wieder raus."
„Ich will hier endlich raus", hatte auch der Fahrer des Lastkraftwagens in einem anderen Exemplar immer sehnlicher nur noch diesen einzigen Wunsch, während sich der Lektor vornahm: „Das nächste Manuskript lese ich. Nie wieder lasse ich es zu, das ein Buch Leser verschlingt."
„Sie meinen also, dass dieses Buch am Verschwinden von Menschen die Schuld trägt?" vergewisserte sich der Polizeipräsident.
„Haben Sie eine andere Erklärung?" formulierten die Reste des noch nicht gelähmten Verstandes des einzigen weiblichen Mitgliedes der Sonderkommission eine Gegenfrage.
„Ich habe gar keine Erklärung. Ich weiß nur, dass weder Sprengstoff noch Brandstiftung Lösungen sein können."
In dieser Wunde stocherte die Abendzeitung auf den Seiten 1 bis 8 herum: „Wo ist unser Kollege? Warum sieht die Polizei tatenlos zu? Keine Sonder- eine Ratlos-Kommission. Stellt den Autor vor Gericht."
Auf Seite 8 kam einer der in solchen Fällen unverzichtbaren Experten zu Wort: „Eine Analyse der Werke von…" Angekündigt wurde eine Fortsetzung, denn die Antwort auf diese Frage duldete keinen langen Aufschub: „Wie pervers ist unser Literaturbetrieb?"
Pervers hätte dieser Experte auch gefunden, was auf Seite 402 eines der Exemplare an diesem Abend geschah, trafen sich dort doch Lkw-Fahrer und Buchhändlerin, um sich aneinander zu erfreuen, denn: „Wenn wir hier schon nicht rauskommen, dann ist sowieso alles egal. Dann sollten wir die Zeit nutzen."
Die Fernseh- und Rundfunkanstalten nutzten die Sendezeit zu Programmänderungen, die Probleme machten, denn im offiziellen Literaturbetrieb hatte der Autor des mysteriösen Buches bislang nur eine belächelte Rolle gespielt.
„Vielleicht hätten wir ihn Ernst nehmen sollen", fragten sich deshalb die eilig zusammengerufenen Diskussionsrunden, in denen es einen überall gern gesehenen Gast gab, der alles in der Schwebe ließ: „Die entscheidende Frage lautet doch: Handelt es sich bei diesem Buch um einen Roman? Ich kenne dieses Buch nicht."
Unbedingt kennen lernen wollte dieses Buch eine Menschenmenge, die sich vor dem Verlagsgebäude zusammenrottete und auf Transparenten forderte: „Freie Bücher für freie Bürger", „Lasst uns in den Verlag", „Weg mit dem Leseverbot".
„Wenn wir die in den Verlag lassen, sind wir sie los", ließ das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission seinen Gedanken freien Lauf.
„Besser sind Wasserwerfer", erstickte der Polizeipräsident jede Diskussion im Keime und gab entsprechende Anweisungen. Die Folgen waren: erst nasse Transparente, dann eine nasse Menschenmenge, schließlich eine flüchtende Menschenmenge, die sich in Nebenstraßen zerstreute und auf ihre Chance lauerte.
Mut machten den Demonstranten Fernsehredakteure im Scheinwerferlicht: „Sie wollen nur lesen, was sie möchten. Darf die Polizei dagegen mit Wasserwerfern vorgehen?"
„Sie wollen es nicht anders", schlussfolgerte der Polizeipräsident aus den Fernsehberichten und beriet sich mit dem einzigen weiblichen Mitglied der Sonderkommission: „Das Buch, das den Schneider verschlang, war aufgeschlagen?"
Das einzige weibliche Mitglied der Sonderkommission nickte.
„Man muss das Buch aufschlagen, damit es einen verschlingt", spann der Polizeipräsident den Faden weiter und fasste einen Entschluss.
„Wir riegeln das Verlagsgebäude nicht mehr ab. Wir gehen in das Gebäude. Wir brauchen Geräte, mit denen wir aufgeschlagene Bücher zuklappen können. Die werfen wir dann der Meute vor die Füße."
Gesagt, Greifarme aus einer orthopädischen Klinik besorgt, kinderleicht zu bedienen, griffstark und präzise, klappten auch Bücher zu, trugen sie zu den Fenstern und warfen sie in die Menge, die sich auf die Exemplare stürzte, die begierig lesen wollte, um die Freiheit des Wortes zu retten und die Verteidigung des Grundgesetzes mit dem Verschwinden bezahlte.
„Das wäre geschafft", zeigte sich der Polizeipräsident aus einem Fenster im ersten Stock zufrieden. „Jetzt sammeln wir die Bücher wieder ein und bringen sie ins Lager. Das Lager wird versiegelt."
So geschah es, die Sonderkommission kehrte ins Revier zurück und bildete eine gesellige Runde, zu der sich nur das einzige weibliche Mitglied nicht gesellte, weil auch diese Frage noch offen war: „Wo ist das Exemplar geblieben, das die Putzfrau im Labor gefunden hat?"
Die Suche blieb erfolglos im Büro des verschwundenen Sonderermittlers, in den anderen Büros, in den Gängen und Fluren, sie musste erfolglos bleiben, weil ein Junge das Buch mitgenommen hatte und unter dem Arm durch die Stadt trug. Der Junge hieß Patrick, war drei Jahre alt, hatte sich auf den Weg zum Revier gemacht, um seinen Vater abzuholen, der jedoch im Einsatz war und deswegen nicht in seinem Büro.
Gefahr bestand für ihn nicht, denn er war des Lesens noch nicht mächtig, mochten auch die jüngsten Schlagzeilen der Abendzeitung noch so schreiend sein und die zweite Analyse des Literaturexperten noch so brillant: „Sex und Gewalt müssen aus Büchern verschwinden" - bevor weitere Leser verschwanden, wie der Autor verschwunden war, der sich mit dem Verlagsleiter bis zur letzten Seite vorgeblättert hatte, aber ein Gefangener blieb.
„Und was machen wir nun?" wollte der Verlagsleiter ohne weitere schuldhafte Verzögerung des Autors endlich eine befreiende Antwort, die jener auch nicht schuldig bleiben wollte: „Wir müssen noch mal von vorne anfangen."
„Was müssen wir?"
„Noch einmal von vorne anfangen", gönnte sich der Autor auf dem letzten Absatz seines Romans eine Ruhepause. Er lautete: „Er ließ seine Pistole sinken. Es war vorbei. Sie hatten ihn dazu gezwungen, sie hatten ihn zum Mörder gemacht. Angela, dachte er, Angela wird mir das nie verzeihen."
Der Verlagsleiter setzte sich ebenfalls.
„Sie scheinen angestrengt nachzudenken. Worüber?"
Der Autor sprudelte wie sonst nur an seinem Schreibtisch.
„Warum erzielen meine Bücher so hohe Auflagen? Weil sie spannend sind. Also müssen wir alle spannenden Stellen herausreißen. Außerdem werden sie gelesen, weil ich sehr freizügig schreibe. Also müssen wir auch diese Stellen herausreißen. Dann wird uns das Buch wieder frei geben. Ich bin sicher."
„Es ist auf jeden Fall noch einen Versuch wert", stand der Verlagsleiter auf.
Patrick bog ein in die Straße, in der sein Elternhaus stand, hüpfte durch den Garten, die offen stehende Terrassentür, durch Wohnzimmer und Flur, die Treppe hinauf in sein Zimmer und legte das Buch auf das Regal neben seinem Bett. Als er schon lange eingeschlafen war, hatten Verlagsleiter und Autor alle spannenden und freizügigen Passagen in Papierschnipsel verwandelt. Als das Buch sie in die Freiheit entließ, hatte es noch 18 unversehrte Seiten.
Die Kunde von der Befreiung des Autors und des Verlagsleiters verbreitete sich wie ein Lauffeuer, im Verlagslager befreit wurden in den nächsten Tagen die verschwundenen Demonstranten, der verschwundene Sonderermittler und der verschwundene Redakteur von Eliteeinheiten, die sich tapfer in die Bücher schlugen.
Gefangene blieben der Lkw-Fahrer, die Buchhändlerin, der Lektor, die Laborkräfte, der Archivar und nicht mehr Dienst tuende Mitglieder des Kommissariats in jenem Exemplar, das in Patricks Kinderzimmer auf dem Regal neben dem Bett des Dreijährigen lag.
Der Autor hatte in der Abendzeitung zwar versprochen, fortan nur noch langweilige Bücher zu schreiben, aber das letzte unversehrte Exemplar blieb verschwunden. Patrick hatte es längst begraben unter Dingen, mit denen sich Jungen seines Alters gemeinhin beschäftigen, während sich der diebische Sonderermittler nicht mehr mit der Lösung von Kriminalfällen an die Spitze von Sonderkommissionen mogelte, sondern auf eigenes Risiko neue Kriminalfälle erfand und der Literaturexperte, der sich mit brillanten Analysen für die Abendzeitung unentbehrlich gemacht hatte, an Neuerscheinungen herummäkelte: „Müssen Bücher wirklich so dünn sein?"
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Heinz-Peter Tjaden,
Kurzgeschichte
Die Welt ist krank
Im Juni 1992 habe ich ein weiteres Exklusiv-Interview mit Johannes Mario Simmel geführt und diesen Artikel an viele Redaktionen geschickt:
Johannes Mario Simmel hält die Welt für krank, lange Zeit ist er sogar sicher gewesen: "Der Weg in die Katastrophe ist unvermeidlich. Vielleicht dauert es noch 20, 30 Jahre, länger aber nicht." In seinen jüngsten Romanen schimmerte jedoch Hoffnung durch, das Rezept für die Umkehr war plötzlich wieder: "Wenn jeder auf der Welt nur einen einzigen Menschen glücklich machen würde, dann wäre die ganze Welt glücklich." Wie glücklich ist Johannes Mario Simmel nach seinem Umwelt-Roman "Im Frühling singt zum letzten Mal die Lerche"? Darüber sprach Heinz-Peter Tjaden mit dem Bestsellerautor.
Sie haben in einem Interview gesagt, daß Sie an die Wirkung Ihrer Bücher glauben. Welche Wirkung hatte Ihr Roman "Im Frühling singt zum letzten Mal die Lerche" bisher?
Simmel: Mein Roman hat ungeheure Diskussionen und Absichtserklärungen von hohen und höchsten Stellen zur Folge gehabt. Ein konkretes Ergebis konnte ich nicht registrieren, es sei denn die unfaßbar gemeine Augenwischerei der Industrienationen beim Umweltgipfel in Rio und die brutale Offenheit von Mr. Bush, der gleich von vornherein erklärt hat, weder dem Artenschutzabkommen beitreten noch den Co2-Ausstoß seiner Industrie vermindern zu wollen.
Wieviele Exemplare von Ihrem Roman sind bis heute verkauft worden?
Simmel: Es wurden bislang im Hardcover, also noch ohne Buchgemeinschaften und Taschenbuchausgaben, mehr als 260 000 Exemplare des Buches verkauft.
Waren andere Bücher aus Ihrer Feder erfolgreicher?
Simmel: Natürlich war 1960 ein Buch wie "Es muß nicht immer Kaviar sein" erfolgreicher. Auch andere Romane haben in den siebziger Jahren und zu Beginn der achtziger Jahre noch Hardcover-Auflagen von 400 000 Exemplaren überschritten. Mittlerweile sind 260 000 ein, wie ich glaube, enormer Erfolg für eine Hardcover-Ausgabe - die "Clowns" brachten es in der Originalausgabe auf 225 000.
Sie arbeiten sicherlich auf Hochtouren an einem neuen Roman. Ein mögliches Thema wäre die deutsche Einheit. Da Sie nie verraten, woran Sie gerade arbeiten, gestatten Sie mir die Frage: Reizt Sie dieses Thema und warum?
Simmel: Ja, ich schreibe auf Hochtouren an einem neuen Roman. Wie Sie richtig vermuten, werde ich das Thema nicht verraten. Die Frage, ob mich die deutsche Einheit als Romanthema interessiert, kann ich ganz schnell und überzeugt mit nein beantworten.
Sie haben erklärt, daß Sie noch zwei, drei Romane schreiben wollen. Gibt es einen Autor, der nach Ihrer Auffassung eines Tages die "Simmel-Lücke" schließen könnte.
Simmel: Ihre Frage kann ich nicht beantworten, weil jede Antwort nur einer dummen Anmaßung gleichkäme. Es werden sich ganz gewiß haufenweise andere Autoren finden.
Heinz-Peter Tjaden
Johannes Mario Simmel hält die Welt für krank, lange Zeit ist er sogar sicher gewesen: "Der Weg in die Katastrophe ist unvermeidlich. Vielleicht dauert es noch 20, 30 Jahre, länger aber nicht." In seinen jüngsten Romanen schimmerte jedoch Hoffnung durch, das Rezept für die Umkehr war plötzlich wieder: "Wenn jeder auf der Welt nur einen einzigen Menschen glücklich machen würde, dann wäre die ganze Welt glücklich." Wie glücklich ist Johannes Mario Simmel nach seinem Umwelt-Roman "Im Frühling singt zum letzten Mal die Lerche"? Darüber sprach Heinz-Peter Tjaden mit dem Bestsellerautor.
Sie haben in einem Interview gesagt, daß Sie an die Wirkung Ihrer Bücher glauben. Welche Wirkung hatte Ihr Roman "Im Frühling singt zum letzten Mal die Lerche" bisher?
Simmel: Mein Roman hat ungeheure Diskussionen und Absichtserklärungen von hohen und höchsten Stellen zur Folge gehabt. Ein konkretes Ergebis konnte ich nicht registrieren, es sei denn die unfaßbar gemeine Augenwischerei der Industrienationen beim Umweltgipfel in Rio und die brutale Offenheit von Mr. Bush, der gleich von vornherein erklärt hat, weder dem Artenschutzabkommen beitreten noch den Co2-Ausstoß seiner Industrie vermindern zu wollen.
Wieviele Exemplare von Ihrem Roman sind bis heute verkauft worden?
Simmel: Es wurden bislang im Hardcover, also noch ohne Buchgemeinschaften und Taschenbuchausgaben, mehr als 260 000 Exemplare des Buches verkauft.
Waren andere Bücher aus Ihrer Feder erfolgreicher?
Simmel: Natürlich war 1960 ein Buch wie "Es muß nicht immer Kaviar sein" erfolgreicher. Auch andere Romane haben in den siebziger Jahren und zu Beginn der achtziger Jahre noch Hardcover-Auflagen von 400 000 Exemplaren überschritten. Mittlerweile sind 260 000 ein, wie ich glaube, enormer Erfolg für eine Hardcover-Ausgabe - die "Clowns" brachten es in der Originalausgabe auf 225 000.
Sie arbeiten sicherlich auf Hochtouren an einem neuen Roman. Ein mögliches Thema wäre die deutsche Einheit. Da Sie nie verraten, woran Sie gerade arbeiten, gestatten Sie mir die Frage: Reizt Sie dieses Thema und warum?
Simmel: Ja, ich schreibe auf Hochtouren an einem neuen Roman. Wie Sie richtig vermuten, werde ich das Thema nicht verraten. Die Frage, ob mich die deutsche Einheit als Romanthema interessiert, kann ich ganz schnell und überzeugt mit nein beantworten.
Sie haben erklärt, daß Sie noch zwei, drei Romane schreiben wollen. Gibt es einen Autor, der nach Ihrer Auffassung eines Tages die "Simmel-Lücke" schließen könnte.
Simmel: Ihre Frage kann ich nicht beantworten, weil jede Antwort nur einer dummen Anmaßung gleichkäme. Es werden sich ganz gewiß haufenweise andere Autoren finden.
Heinz-Peter Tjaden
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